{"id":57,"date":"2024-01-21T20:49:36","date_gmt":"2024-01-21T19:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/?p=57"},"modified":"2024-11-14T09:52:25","modified_gmt":"2024-11-14T08:52:25","slug":"rezension-und-kommentar-zu-black-disability-politics-von-sami-schalk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/de\/post\/2024\/01\/21\/rezension-und-kommentar-zu-black-disability-politics-von-sami-schalk\/","title":{"rendered":"Rezension und Kommentar zu \u201eBlack Disability Politics\u201c von Sami Schalk"},"content":{"rendered":"<ul>\n<li><a href=\"#einleitung\"><strong>Einleitung<\/strong><\/a><\/li>\n<li><a href=\"#history\"><b>Historische Beispiele f\u00fcr Schwarze Behindertenpolitik<\/b><\/a><\/li>\n<li><a href=\"#heute\"><b>Schwarze Behindertenpolitik in der heutigen Zeit<\/b><\/a><\/li>\n<li><a href=\"#nachhaltig\"><b>Zug\u00e4ngliche und nachhaltige Formen der Organisation<\/b><\/a><\/li>\n<li><a href=\"#gedanken\"><b>Einige meiner eigenen Gedanken nach der Lekt\u00fcre des Buches<\/b><\/a><\/li>\n<li><a href=\"#noten\"><strong>F\u00fc\u00dfnoten<\/strong><\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><a id=\"einleitung\"><\/a><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Ich habe gerade \u201eBlack Disability Politics\u201c von Sami Schalk gelesen. Ich glaube dieses Buch ist unglaublich wichtig f\u00fcr aktivistische Gruppen und Bewegungen, und ich ermutige jede*n es zu lese<span style=\"color: #000000\">n<\/span><a href=\"#1\"><span style=\"color: #000000\"><sup>1<\/sup><\/span><\/a>! Bisher ist es nur auf Englisch erschienen, und deswegen wollte ich einige wichtige Punkte mit euch teilen. Sami Schalk befasst sich mit der Frage, wie das Thema Behinderung in Schwarzem Organisieren behandelt wurde, in der Vergangenheit wie auch heute. Um diese Rezension in Perspektive zu setzen: ich schreibe als eine wei\u00dfe, queere nichtbin\u00e4re, neurodivergente und k\u00f6rperlich nicht-behinderte Person, geboren und wohnhaft im West-Europa.<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Es besteht oft das Vorurteil, dass Schwarzes organisieren historisch gesehen sich weniger mit dem Thema Behinderung befasst hat. Allerdings liegt das teilweise daran, dass andere Konzepte und Begriffe benutzt wurden als in der wei\u00df-dominierten Behindertenrechtsbewegung. Wenn wir uns die Theorie und Praxis schwarzer Gruppen und Bewegungen ansehen, stellen wir fest, dass sie die Bed\u00fcrfnisse behinderter Menschen oft auf sehr praktische Weise angegangen sind. Sie haben auch viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Barrieren und die Unterdr\u00fcckung gezeigt, denen diese Menschen ausgesetzt waren.<\/span><\/span><\/p>\n<h4 id=\"history\"><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><b>Historische Beispiele f\u00fcr Schwarze Behindertenpolitik<\/b><\/span><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #00a933\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><span style=\"color: #000000\">Im Buch <\/span><span style=\"color: #000000\">werden einige Beispiele eingehend vorgestellt<\/span><span style=\"color: #000000\">. <\/span><span style=\"color: #000000\">Erstens werden einige Aktivit\u00e4ten der Black Panther Party (BPP) beleuchtet: <\/span><span style=\"color: #000000\">deren<\/span><span style=\"color: #000000\"> logistisch<\/span><span style=\"color: #000000\">e<\/span><span style=\"color: #000000\"> Unterst\u00fctzung <\/span><span style=\"color: #000000\">(in Form von warmen Mahlzeiten)<\/span><a><span style=\"color: #000000\"> f\u00fcr das 504 Sit-in in San Franciso im Jahr 197<\/span><span style=\"color: #000000\">7<\/span><\/a><a href=\"#2\"><span style=\"color: #000000\"><sup>2<\/sup><\/span><\/a><a id=\"02\"><\/a><span style=\"color: #000000\">,<\/span><span style=\"color: #000000\"> ihre kontinuierliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr inhaftierte und <\/span><span style=\"color: #000000\">zwangseingewiesene<\/span><span style=\"color: #000000\"> Psychiatriepatient<\/span><span style=\"color: #000000\">*inn<\/span><span style=\"color: #000000\">en, sowie ihr ganzheitlich<\/span><span style=\"color: #000000\">es<\/span><span style=\"color: #000000\"> Verst\u00e4ndnis psychiatrische Einrichtungen als Erweiterung des Gef\u00e4ngnis-Industrie<\/span><span style=\"color: #000000\">ll<\/span><span style=\"color: #000000\">en <\/span><span style=\"color: #000000\">komplexes <\/span><span style=\"color: #000000\">zu sehen<\/span><span style=\"color: #000000\">.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Ein anderes wichtiges historisches Beispiel zeigt, wie das National Black Women\u2019s Health Project (NBWHP) im Rahmen seiner verschiedenen Aktivit\u00e4ten Schwarze behinderte Frauen unterst\u00fctzte und ohne Stigmatisierung einbezog, insbesondere in seinen Selbsthilfegruppen und bei den in seinen Ver\u00f6ffentlichungen behandelten Themen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><a id=\"03\"><\/a><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Sami Schalk untersucht nicht nur die St\u00e4rken dieser Organisationen in Bezug auf ihren Umgang mit Behinderung, sondern scheut auch nicht davor zur\u00fcck, ihre Schw\u00e4chen und Limitationen zu analysieren. Ein Kritikpunkt, der mir besonders auffiel, war das fehlende Bewusstsein f\u00fcr die Vorteile der gemeinsamen Identit\u00e4t als Behinderte. Heutzutage wird viel mehr anerkannt, wie diese gemeinsame Identit\u00e4t Solidarit\u00e4t und den gemeinsamen Kampf gegen ableistische<\/span><\/span><a href=\"#3\"><span class=\"CssComponent__CssInlineComponent-sc-1oskqb9-1 UserSelectableText___StyledCssInlineComponent-lsmoq4-0\"><span class=\"q-box qu-userSelect--text\">\u00b3<\/span><\/span><\/a> Institutionen und Formen der Unterdr\u00fcckung erleichtern kann.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Im Buch werden mehrere Faktoren genannt, die zu diesem anf\u00e4nglichen mangelhaften Fokus auf Behinderung als Identit\u00e4t in Schwarzen Communities und bei der Organisierung beigetragen haben k\u00f6nnten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">&#8211; Die wei\u00df-dominierte Behindertenrechtsbewegung hat es oft vers\u00e4umt, sich mit sich \u00fcberschneidenden Systemen der Unterdr\u00fcckung auseinanderzusetzen. Dies f\u00fchrte dazu, dass ein Gro\u00dfteil ihres Aktivismus sich nicht mit den Realit\u00e4ten und Bed\u00fcrfnissen Schwarzer behinderter, Tauber und neurodiverser Menschen befasste. Oft lag der Schwerpunkt auf den Bed\u00fcrfnissen von wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen Rollstuhlfahrern (die in der Bewegung oft die Machtpositionen besetzten). Dies ist in gewissem Ma\u00dfe auch heute noch der Fall. K\u00fcrzlich habe ich auch &#8222;This Bridge Called My Back&#8220; zum ersten Mal gelesen, und es gibt sicherlich Parallelen zu den Kritiken am wei\u00dfen Feminismus sowie an anderen Bewegungen, in denen Wei\u00dfe dominanter und sichtbarer sind.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Da ihre Realit\u00e4ten und Bed\u00fcrfnisse nicht in nennenswertem Umfang vertreten waren, konnten sich viele Schwarze Behinderte nicht mit der Behindertenrechtsbewegung identifizieren. Deshalb hatten sie auch nicht das Gef\u00fchl, dass diese Bewegung etwas f\u00fcr sie war. Rassismus war und ist immer noch sehr pr\u00e4sent in der Gesellschaft. Deswegen \u00fcberrascht es nicht, dass die von Wei\u00dfen dominierten politischen Bewegungen immer noch rassistische Verhaltensweisen und Einstellungen propagieren. Ich gehe jetzt nicht weiter auf diesen Punkt ein, aber wer mehr wissen will, sollte das Buch lesen!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">&#8211; F\u00fcr Schwarze Menschen, die sich offen als behindert bezeichnen, bestanden und bestehen immer noch konkrete Gefahren. Dazu geh\u00f6rt zum Beispiel das h\u00f6here Risiko, zwangssterilisiert oder f\u00fcr gef\u00e4hrliche medizinische Experimente verwendet zu werden. Au\u00dferdem wird mensch noch st\u00e4rker ausgegrenzt, als mensch es als Schwarzer ohnehin schon ist. Aufgrund von verinnerlichtem Rassismus und Behindertenfeindlichkeit k\u00f6nnte dies auch zu einer Stigmatisierung und Ausgrenzung innerhalb der schwarzen Gemeinschaft f\u00fchren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">&#8211; Dies hat auch mit rassistischen Stereotypen \u00fcber Schwarze Menschen zu tun, die sich stark mit Behindertenfeindlichkeit \u00fcberschneiden, z. B. dass sie \u201efaul\u201c oder \u201eminderwertig\u201c sind.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">&#8211; Gatekeeping und B\u00fcrokratie in den medizinischen Establishment sowie von wei\u00dfen behinderten Menschen werden ebenfalls als Grund genannt.<\/span><\/span><\/p>\n<h4 id=\"heute\"><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><b>Schwarze Behindertenpolitik in der heutigen Zeit<\/b><\/span><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Nach der Beleuchtung dieser Beispiele aus der Vergangenheit vergleicht Sami Schalk diese mit dem heutigen Aktivismus und st\u00fctzt sich dabei auf Interviews mit mehreren schwarzen behinderten Aktivisten und Kulturschaffenden sowie auf Aktionen und Mitteilungen von Gruppen wie dem Harriet Tubman Collective.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">In der heutigen Zeit gibt es immer mehr Schwarze Behinderte, die sich als solche identifizieren und dies als etwas Wichtiges f\u00fcr sich selbst und ihre Organisierung ansehen. Gleichzeitig gibt es ein starkes Bewusstsein daf\u00fcr, dass mensch sich nicht als behindert identifizieren muss, um Teil der Behindertenpolitik zu sein oder davon zu profitieren. (Einige Personen erw\u00e4hnten auch, dass sie von wei\u00dfen Behindertenaktivist*innen ermahnt wurden, dass mensch sich als behindert identifizieren <i>sollte<\/i>).<\/span><\/span><\/p>\n<p><a id=\"04\"><\/a><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Sami Schalk erw\u00e4hnt, stark von der Disability Justice-Bewegung beeinflusst zu sein, einem Rahmenkonzept, das von behinderten BIPOC<a href=\"#4\"><sup>4<\/sup><\/a>, behinderten queeren Menschen und behinderten queeren BIPOC entwickelt wurde und das viele der M\u00e4ngel der Behindertenrechtsbewegung ausgleicht. <\/span><\/span><\/p>\n<p><a id=\"05\"><\/a><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Einer der 10 Grunds\u00e4tze der Disability Justice <a href=\"#5\"><sup>5<\/sup><\/a> (auf deutsch Behindertengerechtigkeit) ist die F\u00fchrung der am meisten Betroffenen. Diejenigen, die eine bestimmte Form der Unterdr\u00fcckung am eigenen Leib erfahren haben, wissen am besten, wie sie funktioniert. Sie sollten deshalb die ersten sein, auf die mensch h\u00f6rt, wenn es um die Bek\u00e4mpfung der Unterdr\u00fcckung geht. Das bedeutet, dass Schwarze Behinderte in den Bewegungen im Mittelpunkt stehen und sichtbar sein sollten, sei es in der Behindertenbewegung oder in der Schwarzen Organisierungsarbeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Laut Autor*in gibt es in vielen Schwarzen Aktivist*innengruppen immer noch eine Menge Behindertenfeindlichkeit. Genauso gibt es in vielen wei\u00df dominierten Behindertenrechtsgruppen immer noch eine Menge Rassismus. Ohne diese Probleme anzugehen, k\u00f6nnen diese Gruppen niemals hoffen, die Freiheit von Unterdr\u00fcckung f\u00fcr alle zu erreichen.<\/span><\/span><\/p>\n<h4 id=\"nachhaltig\"><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><b>Zug\u00e4ngliche und nachhaltige Formen der Organisation<\/b><\/span><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Vor allem in den letzten Kapiteln wird ein weiteres wichtiges Thema deutlich. N\u00e4mlich zug\u00e4ngliche und nachhaltige Organisationsformen und wie Schwarze Behinderten-aktivist*innen und -gruppen Techniken und Ans\u00e4tze dazu entwickelt und in ihre Praxis integriert haben. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">In diesem Zusammenhang gefiel mir eine Assoziation besonders gut. Im Mainstream-Aktivismus gibt es oft den Tendenz, den<i> <\/i><i>bodymind<\/i> (\u201eK\u00f6rper-geist\u201c) ohne R\u00fccksicht auf seine nat\u00fcrlichen Energiegrenzen zu strapazieren. Dies wird verglichen mit der Art und Weise, wie die Mainstream-Gesellschaft Mensch und Planet behandelt, als seien sie ein grenzenloses System mit unendlichen Ressourcen. In beiden F\u00e4llen f\u00fchrt dies zu nicht nachhaltigen Handlungs- und Lebensweisen auf dem Planeten und in unserem <i>b<\/i><i>odymind. <\/i>Dadurch wird die Welt in den Klimakollaps und die Ressourcenverknappung getrieben, und unseren <i>b<\/i><i>odymind<\/i> in den Burnout.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Langsam verbreiten sich Care-Praktiken, die in BIPOC Behindertenaktivismus wurzeln, auch in anderen Bewegungen. Wir sollten dies ermutigen und gleichzeitig daran denken, den Ursprung dieser Praktiken zu w\u00fcrdigen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Im Buch wird ein pers\u00f6nliches Beispiel erw\u00e4hnt, wie solche Praktiken aussehen k\u00f6nnen. Wegen einer Therapiesitzung musste Sami Schalk Aufgaben bei der Bewegungsarbeit absagen. Die Menschen in der Gruppe haben nicht nur ihre Akzeptanz daf\u00fcr ausgedr\u00fcckt und die Aufgaben \u00fcbernommen. Sie haben es sogar explizit gefeiert dass mensch f\u00fcr sich sorgt. Nat\u00fcrlich steht dieses Beispiel in krassem Gegensatz zu vielen Aktivist*innengruppen, in denen im besten Fall nichts gesagt wird. Nicht selten wird sogar der Vorwurf erhoben, man stelle sich selbst \u00fcber das &#8222;gr\u00f6\u00dfere Wohl&#8220; der Sache.<\/span><\/span><\/p>\n<h4 id=\"gedanken\"><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><b>Einige meiner eigenen Gedanken nach der Lekt\u00fcre des Buches<\/b><\/span><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Ich fand dieses Thema besonders interessant, da wir uns seit \u00fcber einem Jahrzehnt intensiv mit &#8222;nachhaltigem Aktivismus&#8220;, Care und Burnout im Aktivismus besch\u00e4ftigen. Unser Kollektiv kam in der ZAD NddL zusammen, einer besetzten Zone im Kampf gegen den Bau eines Flughafens in der N\u00e4he von Nantes, Frankreich. Dort, wie auch davor an anderen Orten des Kampfes, sahen wir, wie Burnout und unnachhaltige Organisationspraxen unsere Bewegungen schw\u00e4chten und dazu f\u00fchrten, dass viele Freund*innen und Genoss*innen ausstiegen. Nach den R\u00e4umungen im Winter 2012 begannen wir mit der Arbeit an unserem Film zu diesem Thema, &#8222;Radical Resilience &#8222;. Kurz darauf wurde eine*r von uns chronisch krank, so dass wir den Film 2020 in crip time fertig gestellt haben. (Crip time ist ein Konzept dass aus Behinderungsaktivismus kommt und besagt dass wir die Zeit uns anpassen und nicht wir uns dem Druck und den Zeitvorgaben.)<a href=\"#6\"><sup>6<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Mit der Zeit wurde uns immer deutlicher, wie wichtig ein kollektives Verst\u00e4ndnis von Care ist. Ohne die Schaffung von Netzwerken der F\u00fcrsorge und Unterst\u00fctzung innerhalb unserer Bewegungen sind alle Versuche, nachhaltiger oder regenerativer zu werden, kaum mehr als Kosmetik. Wir m\u00fcssen die komplizierten Verflechtungen von Privilegien und Unterdr\u00fcckung, von verschiedenen Formen der Marginalisierung verstehen, um Care f\u00fcr alle zug\u00e4nglich machen zu k\u00f6nnen. Und wir m\u00fcssen die Verhaltensweisen und Einstellungen verstehen, die wir reproduzieren. Ansonsten schlie\u00dfen wir Menschen aus, und schaffen unreflektierte Hierarchien, die die Verh\u00e4ltnisse in der Gesellschaft um uns herum widerspiegeln.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Gleichzeitig sahen wir im kapitalistischen Mainstream, wie das individualistische Narrativ der s<i>elfcare<\/i> (&#8222;Selbstf\u00fcrsorge&#8220;) mehr und mehr propagiert wurde. Ein Narrativ, das vor allem f\u00fcr die Privilegiertesten funktioniert. Jene die die Ressourcen und die Zeit haben, sich dieser Art von Care zu widmen. Und denjenigen, die ausbrennen, weil sie nicht \u00fcber diese Ressourcen verf\u00fcgen, wird gesagt, sie seien selbst Schuld. Weil sie sich nicht &#8222;genug um sich selbst k\u00fcmmern&#8220;, wobei die strukturelle Unterdr\u00fcckung ignoriert wird.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Die Tendenz, die eigenen Bed\u00fcrfnisse als eine private Angelegenheit zu betrachten, ist nicht neu. Sie sind Teil der Bem\u00fchungen, unsere kollektive Solidarit\u00e4t und St\u00e4rke zu brechen, uns zu isolieren und das kapitalistische System aufrechtzuerhalten. Wir haben es selbst gemerkt durch unsere eigenen Erfahrungen mit chronischer Krankheit. Wir versuchten, Teil der Bewegungen zu bleiben, in denen wir so lange aktiv waren. Und es war unm\u00f6glich zu \u00fcbersehen, dass Behinderung und (chronische) Krankheit als etwas angesehen wurden, um das sich der Einzelne, seine Familie oder sein Partner k\u00fcmmern m\u00fcssen, und nicht als etwas Kollektives.<\/span><\/span><\/p>\n<p><a id=\"07\"><\/a><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Etwa 2019 las ich zum ersten Mal &#8222;Emergent Strategy&#8220; <a href=\"#7\"><sup>7<\/sup><\/a> von adrienne maree brown, einer queeren Schwarzen behinderten Autorin und Aktivistin. Ich war sofort beeindruckt von dem sehr ganzheitlichen und ausdrucksstarken Verst\u00e4ndnis und der Darstellung dieser und vieler anderer Konzepte. Dies war ein ganz anderer Ansatz f\u00fcr &#8222;nachhaltigen Aktivismus&#8220; als der, den ich kannte. F\u00fcr mich ist dies ein gro\u00dfartiges Beispiel daf\u00fcr, warum die F\u00fchrung der am st\u00e4rksten Betroffenen so effektiv und so notwendig ist. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Wie Sami Schalk betont, ist es wichtig, unsere vergangenen und aktuellen Bewegungen zu betrachten. Ihre St\u00e4rken zu erkennen, aber auch ihre Limitierungen kritisch zu betrachten, um zu sehen, wie wir uns besser organisieren k\u00f6nnen. F\u00fcr mich bedeutet das, dass wir das Gespr\u00e4ch fortsetzen, einander zuh\u00f6ren und lernen m\u00fcssen. Vor allem m\u00fcssen wir den am st\u00e4rksten betroffenen Menschen zuh\u00f6ren. Wir m\u00fcssen die Quelle dieses Wissens und dieser Weisheit ehren und w\u00fcrdigen. Und es nicht nur zum Nutzen der privilegierteren Menschen, sondern zur Befreiung von uns allen einsetzen. Auch indem wir unsere Aktivismus zug\u00e4nglicher machen. Indem wir Barrieren abbauen, Rassismus, Behindertenfeindlichkeit und alle anderen Formen der Unterdr\u00fcckung verlernen und Netze kollektiver F\u00fcrsorge aufbauen!<\/span><\/span><\/p>\n<h4 id=\"noten\"><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"><b>F\u00fc\u00dfnoten<\/b><\/span><\/span><\/h4>\n<p><a id=\"1\"><\/a><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">1 <\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Black Disability Politics <\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">(Duke University Press, Oktober 2022)<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"> is<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">t verf\u00fcgbar zum kaufen<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"> : <\/span><a href=\"https:\/\/www.dukeupress.edu\/black-disability-politics\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">https:\/\/www.dukeupress.edu\/black-disability-politics\u00a0<\/span><\/a> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">o<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">der als kostenlose PDF open access:<\/span><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"> <a href=\"https:\/\/library.oapen.org\/handle\/20.500.12657\/62545\">https:\/\/library.oapen.org\/handle\/20.500.12657\/62545<\/a> <\/span><\/span><\/p>\n<p><a href=\"#einleitung\">zur\u00fcck zum Text<\/a><\/p>\n<p><a id=\"2\"><\/a><span style=\"color: #00a933\"><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">2<\/span><\/span> <a href=\"https:\/\/www.innow.org\/2021\/02\/12\/black-panthers\/\">https:\/\/www.innow.org\/2021\/02\/12\/black-panthers\/<\/a> <span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">(<\/span><\/span><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">DE<\/span><\/span><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">)<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><a href=\"#02\">zur\u00fcck zum Text<\/a><\/p>\n<p><a id=\"3\"><\/a>3 Ableismus ist das Fachwort f\u00fcr die Diskriminierung aufgrund einer k\u00f6rperlichen oder psychischen Beeintr\u00e4chtigung oder aufgrund von Lernschwierigkeiten. Es ist Ableismus, wenn ein Mensch aufgrund einer bestimmten, oft \u00e4u\u00dferlich wahrnehmbaren Eigenschaft oder einer F\u00e4higkeit &#8211; seinem &#8222;Behindertsein&#8220; &#8211; bewertet wird. Das Wort kommt aus dem Englischen und klingt \u00e4hnlich wie &#8222;Rassismus&#8220; oder &#8222;Sexismus&#8220;. Das ist beabsichtigt. Es soll eine Form von Diskriminierung bezeichnen.<\/p>\n<p><a href=\"#03\">zur\u00fcck zum Text<\/a><\/p>\n<p><a id=\"4\"><\/a>4 Die Abk\u00fcrzung BIPOC ist ein Begriff, der sich auf Schwarze, Indigene und People of Color bezieht. Mit dem Begriff sollen explizit Schwarze und Indigene Identit\u00e4ten sichtbar gemacht werden, um Antischwarzem Rassismus und der Unsichtbarkeit indigener Gemeinschaften entgegenzuwirken.<\/p>\n<p><a href=\"#04\">zur\u00fcck zum Text<\/a><\/p>\n<p><a id=\"5\"><\/a><span style=\"color: #00a933\"><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">5 <\/span><\/span><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">10 principles of Disability Justice by Sins Invalid and Patty Berne<\/span><\/span> <a href=\"https:\/\/www.sinsinvalid.org\/blog\/10-principles-of-disability-justice\">https:\/\/www.sinsinvalid.org\/blog\/10-principles-of-disability-justice<\/a> <\/span><\/p>\n<p><a href=\"#05\">zur\u00fcck zum Text<\/a><\/p>\n<p><a id=\"6\"><\/a><span style=\"color: #00a933\"><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">6 <\/span><\/span><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">Crip Time ist ein Konzept von Alison Kafer <\/span><\/span><a href=\"https:\/\/diversity-arts-culture.berlin\/woerterbuch\/crip-time\">https:\/\/diversity-arts-culture.berlin\/woerterbuch\/crip-time<\/a> <\/span><\/p>\n<p><a href=\"#gedanken\">zur\u00fcck zum Text<\/a><\/p>\n<p><a id=\"7\"><\/a><span style=\"color: #00a933\"><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\">7<\/span><\/span><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Liberation Serif, serif\"> emergent strategy <\/span><\/span><a href=\"https:\/\/adriennemareebrown.net\/\">https:\/\/adriennemareebrown.net\/<\/a> <\/span><\/p>\n<p><a href=\"#07\">zur\u00fcck zum Text<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Historische Beispiele f\u00fcr Schwarze Behindertenpolitik Schwarze Behindertenpolitik in der heutigen Zeit Zug\u00e4ngliche und nachhaltige Formen der Organisation Einige meiner eigenen Gedanken nach der Lekt\u00fcre des Buches F\u00fc\u00dfnoten Ich habe gerade \u201eBlack Disability Politics\u201c von Sami Schalk gelesen. Ich glaube dieses Buch ist unglaublich wichtig f\u00fcr aktivistische Gruppen und Bewegungen, und ich ermutige jede*n es &hellip; <a href=\"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/de\/post\/2024\/01\/21\/rezension-und-kommentar-zu-black-disability-politics-von-sami-schalk\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Rezension und Kommentar zu \u201eBlack Disability Politics\u201c von Sami Schalk<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9790,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_locale":"de_DE","_original_post":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/?p=57","footnotes":""},"categories":[12,13,5,1,11],"tags":[16,15,14,7,17],"class_list":["post-57","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-behinderung","category-bipoc","category-book-review","category-general","category-rezension","tag-ableismus","tag-behinderung","tag-black-disability-politics","tag-black-politics","tag-disability-justice","de-DE"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9790"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=57"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":146,"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57\/revisions\/146"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=57"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=57"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/chronicallyradical.noblogs.org\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=57"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}